Das Kriegsende :

 

D a s  E n d e

 

 

Wir haben den Krieg verloren. Man mag die Sache drehen und wenden wie man will, die raue Wirklichkeit dröhnt uns auf Schritt und Tritt, aus jeder Zeitung, aus jedem Blick, aus jedem Munde entgegen: Wir haben den Weltkrieg verloren! Und das macht gerade die Sache so doppelt schmerzlich, wir verloren den Krieg, ohne besiegt zu sein. Wir müssen die drückendsten, furchtbarsten Bedingungen annehmen, ohne dass wir auch nur eine einzige entscheidende Schlacht, eine einzige entscheidende Niederlage erlitten.

 

Wir haben unsere Monarchin, unser Kaiserreich verloren. Unser Kaiser Wilhelm II. ist gestürzt, er hat abgedankt und der Kronprinz hat auf die Thronfolge verzichtet. Beide sind nach dem neutralen Holland geflüchtet. Alle deutschen Fürsten haben, von den Revolutionären gezwungen, ihre Herrschaft niedergelegt. Ihre Besitzungen, z.B. die Königl.-preußischen Krongüter, werden von dem neuen Staat, der Republik, beschlagnahmt.

 

Nun – 15.Nov.1918 – haben wir die Revolution und die Republik. Die letzten 8 Tage, seit dem 9. Nov. 18, haben eine große Umwälzung gebracht. Die neue, nur aus Sozialdemokraten bestehende Regierung, hat die deutsche Republik ausgerufen. Hier in Wiederstein, wie im ganzen Freien Grund, ist es zu Aus- schreitungen nicht gekommen. Am 13. Nov. fand abends in Neunkirchen bei Thielmann eine öffentliche Volksversammlung statt, in der nach einer Ansprache des Gewerkschaftssekretärs Schneider aus Wahlbach, ein Arbeiter- rat gewählt wurde. Am Nachmittag waren bereits sämtliche im Amt Burbach anwesenden Soldaten in Burbach versammelt gewesen und hatten einen Soldatenrat gewählt. Ein Ausschuss bestand aus je 3 Mitgliedern der beiden Räte. Er wurde beauftragt, am nächsten morgen um 9 Uhr auf dem Amt in Burbach anzutreten, um den gesamten Verwaltungsbetrieb, der von jetzt an dem Soldaten- und Arbeiterrat unterstellt ist, zu überwachen. O s a n t a s i m p l i c i t a s !! Der Soldaten- und Arbeiterrat stellt sich auch die Aufgabe, Leben und Eigentum der Amtsbewohner gegen Überfälle zu schützen. Ihnen ist die gesamte Verwaltung, auch Eisenbahn, Post und Polizei- gewalt unterstellt. Außer ihnen ist niemand mehr berechtigt, Waffen zu tragen. Soldaten werden entwaffnet, man schneidet ihnen die Achselklappen herunter. Junge, unreife Burschen, 18 bis 20 jährige Soldaten, meist fremde Elemente aus Köln, aber auch Siegener, reißen die Herrschaft an sich.

 

Kein Polizist, Schutzmann, Offizier wagt es, sich der Entwaffnung durch diese Buben zu widersetzen. Derartiger Unfug ist in den Städten an der Tages-ordnung. Ein junges Mädchen, das lt. Vorladung eines Morgens auf dem Rathaus in Siegen zu erscheinen hatte, wurde von einem solchen Kerl auf der Rathaustreppe mit einem Fußtritt abgefertigt. Es ist eben Revolution und zwar genau nach russischem Muster. Die deutsche Revolution begann auch am Jahrestag der russischen, am 7. Nov. und zwar von langer Hand vorbereitet, ein Werk der russischen Bolschewisten. Auch die Einsetzung der Soldaten- und Arbeiterräte ist nach russischem Muster vollzogen worden. Diese Räte wollen und sollen für Ruhe und Ordnung sorgen, die durch unlautere Elemente, junge Soldaten und Pöbel, besonders in den Großstädten, gestört worden sind. Viele sagen: „Es ist Revolution, da kann jeder machen was er will“ und handeln danach.

 

Die ganze Bewegung ging von Kieler Matrosen aus. Dieselben fingen in Kiel mit Unruhen an, wurden truppenweise in die Großstädte des Landes verteilt und

rissen überall im Handumdrehen die Herrschaft an sich, ohne den geringsten Widerstand zu finden. Ob die Bewegung von Segen für das Land sein wird, ist abzuwarten.

 

Die vernichtenden Waffenstillstandsbedingungen, die uns von den alliierten Feinden auferlegt worden sind, sind angenommen worden und traten am 11. im 11. um 11 Uhr in Kraft. Armes Deutschland !! Der Delegierte Erzberger unterschrieb ruhig, der General Winterfeld mit Tränen in den Augen.

 

Unsere Truppen müssen sich über das rechte Rheinufer zurückziehen. Den Anfang machen die Flieger, von denen am 13. Nov. 10 Stück den Freiengrund überflogen. Nach und nach stellen sich auch die zu den Flugzeugen gehör- enden Lastautos ein. Dann kommen einzelne Soldaten oder auch zwei zu Pferd oder mit einem Wagen, der Heimat zusteuernd. Ganze Trupps von Lastautos, die mit Kriegern, teilweise aber auch mit allen möglichen Dingen beladen sind, folgen. Die Spitze unserer Armeen überschritt bei Köln am 25. Nov. den Rhein. Der Übergang wird bis zum 15. Dez. anhalten. Täglich sollen 80 000 Mann die Stadt Köln passieren. Das Siegerland wird von 330 000 Mann und 170 000 Pferden durchzogen. Um die damit verbundenen Masseneinquartierungen bewältigen zu können, erging am Sonntag dem 24. Nov. abends ein Befehl des Arbeiter- und Soldatenrates, dass sämtliche Schulen des Freiengrundes sofort zu räumen und die Säle für die zu erwartende Einquartierung vorzubereiten seien. Am Montag ging’s an diese Arbeit. Unsere Sachen wurden durch ein Fenster auf den Schulhof und dann in die Scheune gebracht. Der Saal wurde vollständig ausgeräumt, mit Stroh belegt und bekränzt. Auch von außen wurde die Schule mit Girlanden geschmückt. An der Landstraße befinden sich im ganzen Dorfe Ehrenpforten mit Fahnen und Fähnchen. An den Seiten der Straßen sind eine Menge Tannenbäumchen aufgestellt und geschmückt.

 

Die erste Einquartierung rückte am 28. Nov. hier ein, eine Etappen-Magazin- kolonne von 14 Mann mit 7 Pferden. Diese rückten am nächsten Morgen wieder ab. Am Nachmittag des 29. Nov. kamen dann ein Leutnant, einige Vizewachtmeister und Mannschaften als Quartiermacher. Es waren Jäger zu Pferd (Garnison Erfurt), jetzt aber größtenteils Fußtruppen. Im Ganzen wurde Wiederstein von diesem Regiment mit 400 Mann und 150 Pferden belegt, der übrige Teil des Regiments liegt in Zeppenfeld und Neunkirchen. Am 30. Nov. rückte das Regiment mit klingendem Spiel der Reg.-Kapelle, vom Westerwald

kommend, in das Dorf ein. Dem 6. Jägerregiment folgten die 4. Jäger, dann Kürassiere und Artillerie. Der Durchzug dieser Truppen dauerte 1½ Stunden. Mit dem 1. Dez. setzte dann der Durchzug der VII. Armee ein, der täglich stundenlang anhielt und in dem alle Truppengattungen vertreten waren einschl. ihrer Fahrzeuge. Das Jäger-Reg. Nr. 6 zu Pferd lag mit 12 Offizieren, 400 Mann und 150 Pferden vom 30 Nov. bis 6. Dez. hier im Quartier. Es waren weiter mit den dazugehörigen Bagagen hier einquartiert: Vom 1. zum 2. Dez. Königs-Inf.-Rgt. Nr. 145 mit 8 Offizieren, 80 Mann und 15 Pferden und Fuß-Art.-Rgt. Nr. 116 mit 2 Offizieren, 40 Mann und 3 Pferden. Vom 3. zum 4. Dez. außer den Jägern Feld-Art.-Rgt. Nr. 82 mit 7 Offizieren, 270 Mann und 240 Pferden, sowie Quartiermacher, 1 Offizier, 2 Mann und 3 Pferde. Vom 4. zum 5. Dez.: Feld-Art.-Rgt. Nr. 62 mit 6 Offizieren, 240 Mann und 180 Pferden, sowie Inf.-Rgt. Nr. 465 mit 3 Offizieren, 100 Mann und 40 Pferden. Vom 5. zum 6. Dez. : 2 Abt. Feld.-Art.-Rgt. Nr. 92 mit 10 Offizieren, 240 Mann und 300 Pferden. Vom 6. – 8. Dez. : Res.-Inf.-Rgt. Nr. 104 und 107 mit 8 Offizieren, 244 Mann und 154 Pferden. Vom 9. – 14. Dez.: 2 Batl. Marine-Inf.-Rgt. Nr. 2 mit 25 Offizieren, 430 Mann und 115 Pferden.

 

 

Die Zeit der Einquartierungen waren für die Bevölkerung drei schwere und aufregende Wochen, so dass nach dem Abrücken der letzten Truppen ein allgemeines Aufatmen eintrat.

 

Nunmehr trat die  W e i m a r e r   R e p u b l i k   in Kraft.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Robert Beel

Lehrer in Wiederstein

von 1886-1930

 

Wiederstein, kurz nach dem 1. Weltkrieg um 1920
Wiederstein, kurz nach dem 1. Weltkrieg um 1920