K r i e g s  C h r o n i k :

 

Kriegs

 

Chronik

 

 

Wiederstein

 

 

1914 – 1918

 

 

verfasst von Robert Beel

 

Lehrer in Wiederstein von 1886 – 1930

 

 

2011 übertragen in die heutige Schrift

von Helga Edelmann

 

 

 

 

 

Kriegs Chronik Wiederstein

 

1914 - 1918

 

 

 

 

Der Ausbruch des Krieges

 

Es grollte von Ost, es grollte von West, am Himmel zuckt es von Flammen!“ Mit diesen Worten zeichnet der Dichter Rudolf Geck in seinem Gedichte am 31. Juli 1914 treffend die Weltlage. Ein Unwetter war im Anzuge, bald sollte der Weltbrand auflodern. Neid und Hass feindlicher Großmächte waren die Ursache zu dem großen Weltkriege.

 

 

31. Juli 1914

 

Seine Majestät der Kaiser hat aufgrund des Artikels 68 der Reichsverfassung das Reichsgebiet ohne Bayern in Kriegszustand, d. h. in den Zustand des drohenden Krieges versetzt. Für Bayern erfolgt die gleiche Anordnung. Mitglieder des Kriegervereins, die sich vor Jahren verpflichtet hatten, im Falle einer Mobilmachung sich an der Bahnwache zu beteiligen, erhielten bereits am Abend des 31. Juli die Nachricht, am nächsten Morgen um 8 Uhr auf dem Bahnhof Burbach anzutreten. Von dort aus wurde die Bewachung der Strecke, besonders der Brücken, für den Bezirk des Amtes „Burbach“ geregelt.

 

 

01. Aug 1914

 

Abends um 6 Uhr ging die telegrafische Nachricht durch das ganze Land: „Mobilmachung befohlen“. Als erster Mobilmachungstag gilt der 2. August.

 

Seit dem Bekanntwerden der Mobilmachung herrschte auf der Straße reges Leben. Die Schulglocke wurde geläutet, alt und jung versammelte sich, seiner Begeisterung für die heilige Sache Ausdruck zu verleihen. Das Schutz – und Trutzlied „Ein feste Burg ist unser Gott“ wurde angestimmt. Hochrufe auf den Kaiser und das Vaterland, der Gesang der Nationalhymne „Deutschland, Deutschland über alles“, und andere Vaterlandslieder wollte kein Ende nehmen.

 

 

 

02. Aug. 1914

 

An diesem Tage mussten bereits die ersten Kriegspflichtigen ihrer Kriegsbeorderung folge leisten. Es waren die beiden Ersatzreservisten Paul Krumm und Albrecht Schreiber, die zunächst für Pferdetransporte bestimmt waren. An demselben Tage musste sich der Ersatzreservist Alfred Christ in Siegen stellen. Er kam in das Munsterlager, Provinz Hannover, wo er als Telegraphist ausgebildet wurde.

 

 

03. Aug. 1914

 

Am Montag 3. Aug. fand in Siegen große Pferde Aushebung statt. Bei derselben wurden von 10 Stück, die aus hiesigem Ort vorgeführt werden mussten, drei für schweres Lastfuhrwerk als tauglich befunden. Der Wert der Tiere wurde von der Militärbehörde abgeschätzt. Die meisten Pferdebesitzer waren mit der Abschätzung zufrieden, da durchweg hohe Preise gezahlt wurden. Im Ganzen wurden an dem Tage über 200 Stück, nur Lastpferde, ausgehoben. Diese wurden noch an demselben Tage von der Begleitmannschaft unter einem militärischen Kommando nach Neunkirchen gebracht und dort einquartiert. Am nächsten Vormittag kam der Transport durch unser Dorf nach Burbach zu und weiter über den Westerwald nach Koblenz. Alles war auf den Beinen, um sich die schönen schweren Siegerländer Pferde anzusehen und den beiden Ersatzreservisten Paul Krumm und Albrecht Schreiber, die schon reiten konnten, noch ein „Aufwiedersehen“ zuzurufen. Beide kamen nach einigen Tagen, nachdem die Pferde in Koblenz abgeliefert waren, wieder zurück.

 

Später fand in Siegen eine zweite Pferdemusterung statt, bei der es sich um Reitpferde handelte. Mit wehenden Fahnen und klingendem Spiel kamen am Morgen des 3. August die Schulkinder von Zeppenfeld unter Führung ihres Lehrers Kleine nach Wiederstein. In der Mitte des Dorfes wurde Halt gemacht. Die Wiedersteiner Schulkinder, geführt von ihrem Lehrer Beel, schlossen sich mit Ihren Fahnen an. Die Gestellungspflichtigen nahmen Abschied. Überall noch ein fester Händedruck und ein letztes Abschiedswort. Die meisten Bewohner des Dorfes waren zugegen. Es wurde wieder das Lied „Ein feste Burg“ angestimmt und dann setzte sich der Zug in Bewegung. Viele Angehörige, Bekannte und die Freunde der ausziehenden Krieger schlossen sich demselben an. So wurde der Zug durch die beiden Dörfer immer größer und der Gesang immer mächtiger. Es waren erhebende Augenblicke und Stunden. Auf dem Bahnhof, beim Heranrollen des Zuges, noch ein Druck der Hand und ein Aufwiedersehen, dann brausendes Hoch- und Hurrarufen aus hunderten von Kehlen, Tücherschwenken hin und her bis der letzte Wagen unseren Blicken entschwunden war.

 

Am 3. August rückten im Ganzen 10 Mann aus. Es waren die Reservisten Richard Schneider, Hermann Krumm, Ernst Schreiber, Ludwig Wege, Richard Schmidt und Karl Ginsberg.

 

Dorfansicht von Wiederstein im Jahr 1914
Dorfansicht von Wiederstein im Jahr 1914

 

 

04. Aug. 1914

 

Die Kriegspflichtigen wurden in derselben Weise zur Bahn geleitet wie am Tage vorher. In Zeppenfeld wurde auf dem Hauptsammelplatz in der Mitte des Dorfes angehalten. Herr Lehrer Kleine hielt eine kurze kernige Ansprache an die ausziehenden Krieger. Vor und nach derselben wurden ein paar Strophen des Liedes „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ gesungen. Dann ging es wieder mit Musik und Gesang zur Bahn.

 

Bereits am 2. August setzte der Truppentransport ein. Am Mittag kam ein Personenzug von etwa 40 Wagen mit „Blauen Jungen“, die noch in ihrer bürgerlichen Kleidung, in Richtung Wilhelmshafen fuhren. Von nun an rollten Tag und Nacht Militärzüge vorbei, die durchschnittlich 1000 Mann beförderten. Andere Züge brachten Pferde, Geschütze, Maschinengewehre, Munitionswagen, Autos, Feldküchen, Feldbäckereien, Sanitätswagen, Feldeisenbahnen, Pionierkähne und vieles andere Kriegsmaterial, das dem Beschauer unbekannt war. Allgemeine Bewunderung fanden die neuen, feldgrauen Uniformen, die für manchen, jetzt noch blühenden Jüngling, ach wie bald zum Totenkleid werden sollte. Sämtliche Züge wurden tagsüber von der Bevölkerung mit Begeisterung erwartet und dann durch Tücher winken und Hurrarufen begrüßt. Es war eine fortwährende Völker-Wanderung zur Betze, wo bei langsam fahrenden Zügen den Truppen Blumensträuße, Äpfel, Getränke, Zigarren, Schokolade und Anderes überreicht wurden. Alle Truppen, welche unser schönes Hellertal durchfuhren, boten ein ergreifendes, schönes Bild voller Einmüdigkeit. Alle sind durchdrungen von Vaterlandsliebe und Opfermut. Auch viel Humor unter den Truppen gibt sich zu erkennen aus den Inschriften, mit denen die Wände der Wagen ganz bedeckt sind: „Russische Eier, französischer Sekt, deutsche Hiebe, hei, wie das schmeckt“. Im Ganzen durchfuhren die hiesige Bahnstrecke wohl über 300 Militärtransportzüge. Am 12. August kamen Truppen aus Grandenz, am 13. sogar aus Ostpreußen und am 14. August ein Zug aus Hennstedt bei Flensburg hier vorbei. Also aus allen deutschen Gauen wurden sie gegen den Erbfeind im Westen geworfen.

 

Auf den Bahnhöfen Burbach und Würgendorf hielten fast sämtliche Militärzüge. Frauen und Mädchen waren dort Tag und Nacht tätig, den Kriegern eine Erfrischung zu spenden. Die Lieferungen aus den Dörfern waren reichlich. Auch aus hiesigem Orte sind Brot, Butter, Speck, Fleisch, Wurst, Tabak, Zigarren, Zigaretten, Pfeifen, Hemden, Strümpfe, Taschentücher, Unterzeuge usw. geliefert worden. Im Laufe der ersten Mobilmachungswoche wurde in allen Orten ein Verkehrs-Überwachungsdienst eingerichtet. Jedes Auto, jeder Wagen, jeder Radfahrer oder unbekannte Wanderer wurden angehalten und musste sich ausweisen. Außerdem hatte die Gemeinde mehrere Leute zur Verstärkung der Bahnwache zu stellen.

 

Am 6. August nachmittags um 6 Uhr sahen wir einen Sonderzug in der Richtung Betzdorf-Gießen mit der Königsfamilie von Griechenland.

 

Auch mehrere Züge mit österreichischen Staatsangehörigen, teilweise auch Italienern, die ausgewiesen oder geflüchtet waren oder auch Deutschland verließen, um in ihrem Vaterland ihrer Kriegspflicht zu genügen, fuhren vorbei. Unter den Flüchtlingen sah man auch Frauen und Kinder, die meistens einen bedauernswerten Eindruck machten.

 

Am 17. Aug. 1914 hatten sich der Landsturm und die Landwehr in Siegen zu stellen. Von den hiesigen kamen bis auf die Wehrleute Richard Gräf und Rudolf Petri alle wieder zurück. Das in Siegen gebildete Landsturmbataillon wurde zum Wachdienst verwandt. Am 3. Sept. wurde dieses mit Extrazug nach Straßburg befördert.

 

Am 3. Sept. setzte wieder großer Truppentransport ein und zwar von Belgien zurück nach Russland. Es waren meistens Thüringer Truppen.

 

Am 4. Sept. wurden die Landsturmleute abermals nach Siegen befohlen zur Bildung eines Landsturmbataillons, dem Adolf Schmidt zugeteilt wurde.

 

Ein Extrazug führte am 16. Aug. 1914 den großen Generalstab mit vielen herrlichen Autos nach dem Westen. Es kamen 7 Automobile die dazu gehörten, darunter auch ein gelbes kaiserliches, durch unser Dorf.

 

Als die letzten Truppentransporte begrüßt waren, trat auf der Eisenbahn Ruhe ein und damit nahm auch das alltägliche Leben wieder geregelte Formen an. Jedermann ging wieder seiner Beschäftigung nach wie im Frieden.

 

Erinnerung an den Feldzug 1914
Erinnerung an den Feldzug 1914

 

Außer den bereits oben aufgeführten Mannschaften wurden noch zum Kriegsdienst herangezogen: Alfred Gilbert, Karl Riedel und Fritz Grisse. Im Ganzen haben aus der Gemeinde Wiederstein während des Krieges 73 Mann unter den Waffen gestanden. Von diesen Kriegern starben 12 den Heldentod, einer gilt als vermisst, ist also auch gefallen, 20 wurden mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet, zwei erhielten eine Tapferkeitsmedaille, 8 wurden zu Unteroffizieren befördert und 5 gerieten in Gefangenschaft. Aus diesen Zahlen ist zu ersehen, dass das nur 400 Einwohner zählende Wiederstein dem Weltkriege auch seinen Tribut gezahlt, dass es aber auch Männer ins Feld geschickt hat, die als Helden in die Heimat zurückgekehrt sind und als solche von Kindern und Kindeskindern geehrt zu werden verdienen.

 

 

 

 

 

 

D i e   J u g e n d w e h r

 

Aufgrund des Kriegsministerial-Erlasses vom 16. Aug. 1914, die militärische Vorbereitung der Jugend betreffend, bildete sich auch hier eine Abteilung von anfangs 29 Mann. Es schlossen sich derselben bis auf eine Ausnahme sämtliche jungen Leute im Alter von 16–20 Jahren an. Diejenigen Jungmann-Ausschaften, welche nachher zum Heer eingezogen wurden, bestätigten durchweg, dass ihnen die hier genossene Vorbereitung große Vorteile geboten habe. Im Sommer 1915 traten auch die fünfzehnjährigen, es waren 7 Mann, der Jugendwehr bei. Der Bestand der hiesigen Abteilung betrug durchweg 20 Mann.

 

Am 11. Okt. 1914 wurde mit der Ausbildung begonnen. Die Übungen fanden anfangs auf der Halde der Grube Regenbogen sonntags von 6–8 Uhr, später an Wochentagen abends bei der Schule statt. Sie wurden von Hermann Petri, Karl Riedel und Lehrer Beel geleitet. Riedel wurde später als Landsturmmann ein- gezogen. Hermann Petri trat im Sommer 1915, da er tagsüber viel arbeiten musste und auch Marschübungen nicht mitmachen konnte, von der Leitung zurück. Anstelle der beiden traten Ernst Weber und Adolf Krumm als Führer ein. Letzterer war im Felde gewesen, zum Unteroffizier befördert und als Bergmann reklamiert worden.

 

Im Winter 1914/15 fand in Siegen ein Führerkursus statt, an dem Lehrer Beel teilnahm. Im Laufe des Sommers 1915 wurden für die Mannschaften zur weiteren Ausbildung Holzgewehre angeschafft. Durch eine Geldsammlung im Dorfe wurden für diesen Zweck 70 Mark aufgebracht, so dass die Gewehre, 20 Stück, die 3,50 MK kosteten, bar bezahlt werden konnten.

 

Bereits im Herbst 1914 hatten die Mannschaften feldgraue Mützen und schwarzweiße Armbinden auf Kosten des Amtes erhalten. Zum Unterschied erhielten die Führer Mützen mit Schirm und schwarz-weiß-rote Armbinden. Kurz vor Weihnachten 1915 kamen dazu Uniformen, Rock und Hose aus feldgrauem Reit-Kordstoff. Die Jungmannen zahlten für den Anzug je 6 Mark. Der Fehlbetrag wurde aus Sparkassen-Zinsüberschüssen der Amtssparkasse, die von der Amtsversammlung für diesen Zweck bewilligt wurden, im Ganzen etwa 3600 Mark für das ganze Amt, gedeckt. Die Jungmannschaften, welche 6 Mark gezahlt und 1 Jahr regelmäßig an den Übungen teilgenommen haben, erwerben die Uniformen als Eigentum. Da 3 Mann der hiesigen Abteilung, an- geblich weil sie die 6 Mark für die Uniform nicht erübrigen konnten, austraten, so betrug die Mitgliederzahl der Abteilung 1916 zu Neujahr 19 Mann. Im Amte Burbach wurden 5 Kompanien gebildet.

 

Die 1. Kompanie umfasst die vier Dörfer des Hickengrundes, die 2. Burbach, Würgendorf, Lippe und Gilsbach, die 3. Kompanie Wahlbach, Wiederstein und Zeppenfeld, die 4. Neunkirchen und Salchendorf und die 5. Altenseelbach und Struthütten. Im Laufe des Sommers 1915 wurden viele Übungen im Gelände abgehalten. Die Übungen in der Kompanie 3 fanden, soweit der Graswuchs dies zuließ, auf der Wiese „Im Zaun“ im Scheidwald statt. Die erste große Marschübung für die Mannschaften des ganzen Amtes am 7. Februar 1915 führte über die Rothenbach nach Daaden, über Biersdorf, Grünebach und Sassenroth bis Herdorf, von wo die Eisenbahn zur Rückfahrt benutzt wurde. Eine Nachtübung der Mannschaften des Amtes Burbach fand zwischen Pfaffenwald und Bautenberg statt. Die Hauptübung für die Ämter Burbach und Freudenberg gegen die Ämter Wilnsdorf, Eiserfeld und die Stadt Siegen fand auf der Kalteiche statt. Die übrigen Ämter des Kreises Siegen veranstalteten am 27. Juni 1915 eine ähnliche Übung am Giller und Pfaffenhain bei Lützel. Beide Übungen fanden mit Parademarsch und Feldgottesdienst ihren Abschluss, worauf den Mannschaften ein auf militärische Art in Feldkesseln gekochtes Essen verabreicht wurde.

 

Die zweite größere Marschübung am 2. Mai 1915 führte von Niederdresselndorf, wohin die Jungmannen mit der Bahn befördert wurden, nach einem Gefecht am Bernbergs Kopf über Langenaubach und Donsbach nach Dillenburg. Dort wurde auf der Schütte von Hauptmann Weinbrenner der Parademarsch abgenommen und eine Ansprache an die Jungmannschaften gehalten. Dann wurde nach kurzer Rast der Marsch bis Haiger fortgesetzt und von da die Heimfahrt mit der Eisenbahn angetreten. Ein bedeutungsvoller Tag war die Einweihung und Übergabe von zehn Fahnen für die beiden Städte und die acht Ämter des Kreises Siegen am 26. September 1915 in Siegen. Paradeaufstellung sämtlicher Mannschaften des Kreises Siegen, Besichtigung durch den Vertrauensmann für den Reg.-Bez. Arnsberg, Herrn Oberst Niemann aus Hagen, Parademarsch usw.. Die Mannschaften des Amtes Burbach fuhren mit der Eisenbahn bis Eiserfeld und marschierten von da durchs Siegtal zum Festplatz Schemscheid bei der Johannishütte. Für die Rückreise wurde ebenfalls die Bahn benutzt.

 

 

 

 

Am 7. Nov. 1915 machte die 3. Kompanie einen Ausflug nach dem Hohenseelbachskopf; unterhalb desselben Gefechts der Abteilungen Zeppenfeld und Wiederstein gegen Wahlbach. Nach dem Gefecht wurden die Jungmannen mit Kaffee bewirtet. Am 17. Dez. 1915 fand hinter dem Zollhaus auf der Lipperhöh ein Gefecht der 3., 4. und 5. Kompanie gegen die 1. und 2. sowie gegen die Kompanie Haiger statt. Daran schloss sich ein Marsch über Liebenscheid, Oberdresselndorf, Niederdresselndorf, Hozhausen, Allendorf nach Haiger an, wo den Mannschaften Kaffee geboten wurde. Von Haiger Rückfahrt mit der Bahn. Die Begeisterung für die militärische Vorbereitung der Jugend hat vielfach nachgelassen. Im Amte Burbach ist die Beteiligung an den Übungen wohl noch am besten. In anderen Ämtern, z.B. Eiserfeld, war die edle Sache im Winter 1914/15 schon einmal eingegangen, dann wieder ins Leben gerufen, kam sie im März 1916 wieder auf den toten Punkt. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl ist die Beteiligungsziffer in Wiederstein mit am höchsten. 1914/15 fehlte nur einer, 1915/16 dagegen drei.

 

Am 25. Juni 1916 fand eine Geländeübung zwischen Pfannenberg und Heinrichsglück statt. Die Beteiligung der Jungmannen war im allgemeinen mäßig, aus Wiederstein waren von 18 Jungmannen 14 angetreten. Am 27. Aug. 1916 fand auf dem Wahlbacher Spielplatz für die Jungmannen des Amtes Burbach ein Wettkampf in Hindernislauf, Hoch- und Weitsprung, sowie Handgranatenweit- und Zielwerfen statt. Zur Musikleistung war die Kapelle des Erst.-Batls. Inf. Regts. Nr. 81 aus Homburg gewonnen. An den in Siegen am 24. Sept. stattfindenden Ausscheidungskämpfen nahmen hiesige Mannschaften nicht teil, dagegen fehlte bei der Besichtigung der Kriegsausstellung in Hagen am 1. Okt. in Hagen aus dem ganzen Amte wohl keiner, da Militärfreifahrtscheine bewilligt worden waren.

 

Am 13. Mai 1917 fand auf dem Wahlbacher Spielplatz eine Besichtigung der Mannschaften des Amtes Burbach statt. Anstelle des Vertrauensmannes für den Reg. Bez. Arnsberg, Oberst Niemann, wurde dieselbe durch einen Major aus Bochum vorgenommen. Die Beteiligung seitens der Jungmannen ließ wieder zu wünschen übrig. Die 3. Kompanie des Amtes war wie immer die stärkste, der Hickengrund überhaupt nicht vertreten. Außer den regelmäßigen Übungen und dem Wehrturnen in Siegen fand am 23. Sept. 1917 eine Marschübung nach Marienberg statt.

 

Die Heimwehr 1915
Die Heimwehr 1915

 

 

 

Das wirtschaftliche Leben während des Krieges

 

Wie sehr der Krieg in das Volksleben eingreift, das zeigte sich so recht schon in den ersten Tagen der Mobilmachung. Von den ausziehenden Kriegern musste Abschied genommen und dieselben mussten zur Bahn gebracht werden. Jeder wollte die vorbeifahrenden Militärzüge sehen und den Soldaten zuwinken. Auf der Straße wurde ein Automobil angehalten. Da musste auch jeder dabei sein, wenn die Insassen, vielfach höhere Offiziere oder andere hochgestellte Persönlichkeiten, vor einem bewaffneten Ortsbewohner anhalten und sich ausweisen mussten. So brachte jede Stunde etwas Neues, die Arbeit trat voll- ständig in den Hintergrund und manche Frauen waren durch den Krieg so in Anspruch genommen, dass sie vor lauter Sehen, Hören und Weitererzählen sogar das Kochen vergaßen und die Mahlzeiten sehr unregelmäßig eingenommen wurden. In der ersten Woche stockte infolgedessen die Feldarbeit vollständig und erst in der zweiten Woche ging man so allmählich wieder ins Feld, um das inzwischen überreif gewordene Korn zu schneiden. Das schöne Wetter begünstigte die Roggenernte sehr. Jeder packte zu, wo Hilfe nötig war, um die Frucht unter Dach und Fach zu bringen, damit wir zu leben haben, wenn uns die Zufuhr über die See abgeschnitten werden sollte.

 

 

Die Stimmung im Volk ist stolz und zuversichtlich. Niemals war wohl ein Volk so bereit, das Letzte einzusetzen, um zu siegen. Die Schulen sind auf Anordnung des General-Kommandos bis auf weiteres geschlossen worden. So können sich die größeren Kinder an der Feldarbeit beteiligen und die fehlenden Arbeitskräfte ersetzen helfen.

 

Von der Behörde ist angeregt worden, den diesjährigen Hauberg zur Bepflanzung mit Roggen möglichst auszunutzen. In früheren Jahren blieb kein Haubergsboden ungehackt. Das ist anders geworden, es ging uns in mancher Beziehung zu gut. Diejenigen, welche im Hauberg noch hackten, wurden sogar als die Dummen bezeichnet, so dass manche, die die schwere Arbeit noch gerne auf sich genommen hätten, sich vor anderen schämten. Dieses hätte jetzt im Kriege wieder anders sein sollen. Leider blieb aber auch in diesem Jahr ein großer Teil des Hauberges, auf dem im nächsten Jahr mancher stolze Ritter stehen könnte, brach liegen. Mit der von der Behörde ebenfalls angeregten Bepflanzung des Hauberges mit Buchweizen hat man in Wiederstein überhaupt keinen Versuch gemacht.

 

Die Industrie des Siegerlandes war während der ersten Wochen des Krieges in einer üblen Lage. Viele Arbeiter feierten oder halfen zu Hause bei den land wirtschaftlichen Arbeiten. So mussten viele Werke still liegen, auch einige Gruben haben den Betrieb zeitweise eingestellt, bis allmählich wieder geregelte Verhältnisse eintraten.

 

Am 24. Aug. wurde in den Schulen wieder mit dem Unterricht begonnen. Am 1. Nov. 1914 trat der Friedensfahrplan wieder in Kraft. Mit demselben Tage wurde auch die Postbestellung wieder wie in Friedenszeiten, zweimal täglich, wieder eingerichtet.

 

Kriegsbrot: Der Bundesrat hat bestimmt: Weizenbrot muss einen Zusatz von mindestens 10% Roggenmehl enthalten. Roggenbrot muss einen Zusatz von mindestens 5% Kartoffelflocken und Kartoffelmehl enthalten. Roggenbrot, zu dessen Bereitung mehr Gemischtsteile Kartoffel verwendet sind, muss mit dem Buchstaben „K“ bezeichnet werden. Das Kriegsministerium hat eine Verfügung erlassen, nach welcher alle Häute von Großvieh für die Heeresverwaltung beschlagnahmt werden.

 

Nach einer Anordnung des Generalkommandos müssen in ländlichen Ortschaften die Wirtschaften um 10 Uhr abends geschlossen werden. Einzelne Bedarfsgegenstände, z.B. Leder, sind schon recht teuer geworden, infolgedessen werden hier und da wieder Holzschuhe getragen.

 

Der Bundesrat hat Mitte Januar 1915 verschärfte Bestimmungen bekannt gegeben, die eine größere Sparsamkeit im Verbrauch von Brotgetreide, besonders Weizenmehl, bezwecken. Roggen ist bis zu 82%, Weizen zu 80% auszumahlen. Weizenmehl darf von den Mühlen nur in einer Mischung abgegeben werden, die auf 7O Teile Weizenmehl 30 Teile Roggen enthält. Bei der Kuchenbereitung darf nicht mehr als die Hälfte des verwendeten Mehls aus Weizen bestehen. Roggenbrot darf erst 24 Stunden nach dem Backen abgegeben werden.

 

Vom 18. – 24. Januar 1915 fand eine Reichswollwoche statt. Woll-, Baumwoll- und Tuchsachen, die nicht mehr zu verwenden sind, werden gesammelt, kommen in die Kunstwollfabrik oder es sollen von Frauenhänden aus den Stücken Decken für die Soldaten genäht werden. Für das Amt Burbach ist Mittwoch, der 20. Januar, zum einsammeln bestimmt. Die Sammlung hat ein sehr großes Ergebnis gehabt.

 

Durch die Beschlagnahme sämtlicher Getreide- und Mehlvorräte durch die Organe der Reichsregierung und ihre Verteilung entsprechend der Bevölkerungszahl an die Städte und Gemeinden ist der Ernst, der durch den Krieg geschaffenen Lage, für unser Vaterland auch für die recht deutlich geworden, die seither fröhlich in den Tag hinein lebten. Leider zeigt das Volk vielfach wenig Verständnis für die guten Lehren zur Sparsamkeit mit dem täg- lichen Brot. Städte über 5000 Einwohner haben auch noch die Verpflichtung, einen Vorrat von Fleischdauerwaren zu beschaffen. Im Allgemeinen waren wir in Deutschland auch zu üppig geworden und weit von dem Pfade des einfachen, bürgerlichen Lebens abgewichen. Auf manchen Schulhöfen flogen die Brocken nur so herum. Heute gilt wieder das Sprichwort: „ Mit vielem hält man haus, mit wenigem kommt man aus!“ Sämtlicher Hafer ist von der Heeresverwaltung mit Beschlag belegt. Freigelassen sind nur Saathafer – 150 kg für das ha – und Pferdefutter – 300 kg für das Pferd – bis zur nächsten Ernte.

 

Laut Verfügung werden sämtliche Gegenstände aus Kupfer, Messing, Zinn, Aluminium, Antimon und Hartblei beschlagnahmt. Nach der auf Grund des §36 der Bundesratsverordnung vom 25. Januar 1915 über die Regelung des Verkehrs mit Brotgetreide und Mehl vom Kreisausschuss erlassenen Anordnung ist das Backen von Kuchen sowohl den Bäckern als auch den Privathaushalten verboten. Außer den Einheitsbroten dürfen nur Zwieback mit höchstens 50% Weizenmehl und feine Konditorwaren mit höchstens 10% Weizenmehl hergestellt werden.

 

Am 28. Februar 1915 wurden im Amte Burbach die Brotbücher ausgegeben. Ohne diese ist den Bäckern die Verabfolgung von Brot untersagt. Der Bundesrat hat beschlossen, eine Aufnahme der Kartoffelbestände vorzunehmen.

 

Die Wolle der deutschen Schafschur wird für Zwecke der Heeresverwaltung beschlagnahmt und darf von den Besitzern der Schafe nicht anderweitig verkauft werden. Auch im Siegerlande sollen die Hauberge im Jahre 1915 möglichst weitgehend für Getreideanbau und zur Viehhude nutzbar gemacht werden. In Wiederstein ist davon leider nicht ausgiebig Gebrauch gemacht worden. Der diesjährige Haubergsschlag ist bei weitem nicht alle gehackt worden, auch die vorhergegangenen Schläge nicht. Die Viehhude ist hier ebenfalls nicht wieder ins Leben gerufen worden. Das erstere unterlässt die hiesige Bevölkerung, weil das Getreide nachher doch beschlagnahmt würde.

 

Die Eisenbahndirektionen haben verfügt, dass Zieranlagen für Kartoffel- und Gemüseanbau freizugeben und an Eisenbahnbeamte zu verpachten sind. Die Brauereien im Kreise Siegen haben den Wirten einen Preisaufschlag von 4 MK für das Hektoliter angekündigt. Die Abschätzung der Kartoffelvorräte im Amte Burbach hat in den 15 Gemeinden mit rund 12000 Einwohnern einen Bestand von 40 000 Zentnern ergeben.

 

Am Donnerstag, dem 18. März 1915, fand in Neunkirchen im Vereinshause abends eine gut besuchte Versammlung statt, in welcher über Volksernährung Vorträge gehalten und Ratschläge gegeben wurden. Erfolg gleich Null. Überall soll Buchweizen gesät werden. In Wiederstein ist kein Versuch gemacht worden.

 

Der Minister für Landwirtschaft hat verfügt, dass Erlaubnisscheine zum Sammeln von Beeren und Pilzen in den Staatsforsten auszustellen sind. Erlaubnisscheine zur Entnahme von Gras sind auf die Hälfte des seitherigen Preises zu ermäßigen.

 

Durch den Mangel an Pferden ist der Preis sowohl für diese als auch für Zugochsen gewaltig gestiegen. 1000 MK für einen solchen ist keine Seltenheit.

 

Der preußische Eisenbahnminister hat verfügt, dass auf sämtlichen Schrankenwärterposten, die von Invaliden bedient werden können, bis auf weiteres nur Kriegs- und Eisenbahninvaliden als Schrankenwärter anzustellen sind.

 

Am 9. Mai 1915 findet eine Aufnahme der Vorräte von Getreide und Mehl statt. Bei Angabe früher verschwiegener Vorräte tritt Strafe nicht ein. Der Anbau von Sonnenblumen wird von der Eisenbahnbehörde empfohlen. Der Same soll als Geflügelfutter dienen, liefert aber auch ein schätzbares, fettes Öl.

 

Nach §2 der Bundesratsbekanntmachung vom 29. April 1915 dürfen Fußböden, um Öl zu sparen, nicht mehr geölt werden. Die Ablieferung von Munitionsteilen jeder Art ist patriotische Pflicht. Die Aneignung, sei es durch Schenkung oder Kauf, ist strafbar.

 

Vom 1. bis 4. Juli 1915 findet eine Feststellung der Ernteflächen in den Gemeinden statt, um auf diese Weise zu einer ungefähren Ermittlung des voraussichtlichen Ernteergebnisses zu gelangen. Der Ertrag aus der diesjährigen Lohernte wird für das Amt Burbach auf über 100 000 MK geschätzt.

 

Die Forstaufsichtsbehörde hat durch ein Rundschreiben den Haubergsgenossenschaften und Gemeinden nahegelegt, angesichts der trockenen Witterung die reichen Futtermittel des Hauberges besser auszunutzen. In Wiederstein hat man davon keinen Gebrauch gemacht, so dass also hier von Futtermangel oder gar Not keine Rede sein kann.

 

Vom 10. Juli 1915 an ist der Ausschank von Trinkbranntwein und Spirituosen an Sonn- und Feiertagen, am Freitag und Samstag vollständig verboten, an den übrigen Tagen nur von vormittags Uhr bis abends 7 Uhr gestattet. Der kommandierende General des XVIII. Armee-Korps hat unterm 27. April 1915 für den Korpsbezirk die Polizeistunde für alle Wirtschaften neu festgesetzt, für ländliche Gemeinden auf 11 Uhr abends. Geschlossene Gesellschaften dürfen nach der festgesetzten Polizeistunde in den Schankstuben und anderen Räumen von Wirtschaften nicht geduldet werden.

 

Um für die Heeresverwaltung genügend gutes Wiesenheu zu haben und der Futternot vorzubeugen wird von der Behörde geraten und befohlen, Laubheu zu gewinnen. Notgedrungen hat man auch im hiesigen Hauberg einige Fuhren Laubheu-Schanzen gemacht und diese in der Schulscheune aufgestapelt. Mitte Januar 1916 wurde dasselbe öffentlich meistbietend verkauft.

 

In den einschlägigen Geschäften sind niemals soviel Einmachtöpfe und -Gläser verkauft worden wie im Sommer 1915. Das stellvertretende Generalkommando hat bezüglich der Wucherpreise eine Verordnung erlassen. Vor dem Krieg kostete der Doppelzentner Weizenmehl 30 MK. Jetzt wird aus dem neutralen Auslande ein graues Weizenschrotmehl auf den Markt gebracht, sogenanntes Freimehl, weil es der Beschlagnahme nicht unterliegt und auch Höchstpreise dafür nicht festgesetzt werden. Der Preis für den Doppelzentner dieses Mehles ist auf 140 MK gestiegen. Später kostete das Pfund Freimehl 1,40 MK, 2 MK bis 4 MK. Die Wuchergelüste mit Nahrungsmitteln und anderen Artikeln stiegen ins Unendliche. Bereits im September 1914 machte sich eine auffallende Preissteigerung bei den Lebensmitteln bemerkbar und deshalb damals schon die Festsetzung von Höchstpreisen vom Bundesrat vor

genommen, hatte aber für die Bevölkerung wenig oder gar keine Bedeutung. Das stellvertretende Generalkommando hat den Verkauf und die gewerbsmäßige Verwendung von süßem und saurem Rahm vom 15. Aug. an verboten. Am 16. Aug. 1915 findet eine Bestandsaufnahme der noch vorhandenen Vorräte an Brotgetreide und Mehl aus früheren Ernten statt. Der Kartoffelpreis schwankt im Aug. 1915 zwischen 9 MK und 6,50 MK. Vom 14. Aug. 1915 ab ist jede Veräußerung von Schafwolle zu anderen als zu Heereszwecken verboten. Am 31. Aug. 1915 ist eine Bekanntmachung erlassen worden betreffend Beschlagnahme, Meldepflicht und Ablieferung von Kupfer, Messing, Nickel usw.. Auf Grund der hierzu erlassenen Ausführungsbestimmungen fand hier am 14. Okt. 1915 die erste freiwillige Ablieferung statt. Sie betrug 558 kg und bestand vorzugsweise aus kupfernen Waschkesseln. Fertige Gebrauchs- gegenstände aus Kupfer werden mit 4 MK das kg, Messing mit 2,80 MK bezahlt. Am 28.2.1916 wurde das letzte beschlagnahmte Kupfer und Messing abgeliefert. Es waren noch 16 Waschkessel und 16 Wasserschiffe aus Herden, sowie einige Kaffeekessel und verschiedene kleinere Gegenstände. Die ganze Sammlung wurde dann zur Hauptsammelstelle nach Salchendorf gefahren.

 

Vom 1. Okt. 1915 ab kommen für 5 Millionen Mark eiserne Fünfpfennigstücke in den Verkehr. Diesen folgten bald auch eiserne Zehnpfennigstücke. Die Nickelmünzen werden immer seltener, Silbermünzen sieht man nur noch vereinzelt, die schönen Goldstücke sind ganz verschwunden.

 

Durch das Webstoffmeldeamt ist eine Bestandserhebung von Schlafdecken und Pferdedecken bei den einschlägigen Geschäften angeordnet. Vom 1. Sept. 1915 an wird Petroleum wieder an Händler zum Weiterverkauf abgegeben. Später gab es zeitweise gar kein Petroleum, dann wieder nur an solche Leute, die nicht an eine elektrische Lichtanlage angeschlossen sind. Seit 1. Okt. 1915 sind Mehlkarten eingeführt. Den Selbstversorgern stehen für jedes Familienmitglied monatlich 20 Pfd. Roggen für Brotbereitung zu. Durch die Mahlkarten soll nun Kontrolle ausgeübt werden, dass nicht mehr verbraucht wird. Ende Okt. 1915 hat die Gemeinde von der Zentral-Einkaufs-Gesellschaft in Berlin 6 Zentner grüne Erbsen kommen lassen, die nun für 45 Pf. das Pfd. verkauft werden. In derselben Zeit kamen 5 Ztr. Bauchspeck zum Verkauf, das Pfd. zu 2,15 MK.

 

Das stellvertretende Generalkommando hat eine Verfügung erlassen, nach der Jugendliche unter 17 Jahren abends nach 8 Uhr ohne Begleitung ihrer Eltern sich nicht auf der Straße aufhalten dürfen. Auch dürfen Rauchwaren an dieselben weder entgeltlich noch unentgeltlich abgegeben werden.

 

Auch im Frühjahr 1916 wurde der Anbau von Sonnenblumen wieder eindringlich empfohlen. Diesmal wurde auch hier ein Versuch gemacht. Der Lehrer übernahm die Arbeit mit den Schülern der Ober- und Mittelstufe. Am 18. Mai wurde mit der Arbeit begonnen. In dem mit jungen Fichten bepflanzten Hau- bergsstück vor dem Obstgarten wurden Löcher gehackt, diese mit guter Erde angefüllt und die Samen hineingelegt. Diese gingen auch auf. Durch die Unachtsamkeit des Schäfers wurde ein großer Teil abgefressen. Die Blüten der übrigen erreichten die Größe der Arnikablüte, die Stängel wurden nur etwa 40 cm hoch. Die Mühe ist also, wie zu erwarten war, ganz umsonst gewesen. Im Herbst 1915 hatten wir eine sehr reiche Kartoffelernte. Infolge Preis- treiberei – jeder glaubte ja, er müsste den Krieg dazu benutzen, um reich zu werden – wurde aber in den Zeitungen immer gewarnt, nicht mehr als 3,50 MK je Zentner zu bezahlen, da genügend Kartoffeln vorhanden seien und dieselben billiger werden müssten. Die Folge davon war, dass viele Leute in der Stadt Siegen und auch in den anderen Orten des Industriegebietes ihren Kartoffelbedarf für den Winter nicht deckten. Da andere Futtermittel nicht vorhanden waren, wurden von den Landwirten, die ihre Keller bis oben gefüllt hatten, übermäßig viele Kartoffeln an das Vieh verfüttert. Die natürliche Folge davon war eine allgemeine Kartoffelknappheit im Frühjahr 1916. Am meisten machte sich dieselbe in den industriellen Teilen des Kreises Siegen bemerkbar. Da der Kreis Siegen aber als Selbstversorgungkreis bezeichnet war, mussten auch die Landwirte des Amtes Burbach, nachdem bereits eine dreimalige Aufnahme der Bestände erfolgt war, einen Teil ihres Vorrates an die Stadt Siegen abliefern. Wiederstein lieferte 100 Zentner. Am 24.6. fand abermals durch eine Kommission eine Aufnahme statt. Da laut Bundesratsverordnung Kartoffeln überhaupt nicht mehr verfüttert werden sollten, es sei denn, dass dieselben für die menschliche Ernährung ungeeignet sind, da ferner für die Person und den Tag nur noch 1 Pfd. gerechnet werden durfte, so stellte es sich aufgrund der letzten Aufnahme heraus, dass Wiederstein noch 241 Ztr. abzugeben hatte. Die erste Rate davon, 100 Ztr., wurde am 30.6.16 am Bahnhof Burbach abgeliefert. Am 1. Aug. 1916 wurden die Kartoffeln zum Verfüttern wieder freigegeben. Infolge der hohen Preise – 15 MK – für die Frühkartoffeln war das Angebot so groß, dass viele, besonders in den Großstädten, verdorben sind. Eine in die Ernährungsfrage tief einschneidende Bekanntmachung erließ der Kreisausschuss für den Kreis Siegen am 9.8.1916, danach durften Kartoffeln von den Selbstversorger-Erzeuger – an versorgungsberechtigte Verbraucher – direkt nicht mehr abgegeben werden; auch wird der Verbrauch bis auf weiteres von 1½ Pfd. auf 1 Pfd. herabgesetzt. Diese Maßnahme war nötig, da die für den Kreis Siegen bestellten Kartoffeln von auswärts nicht eintrafen, weil sich die Ernte infolge schlechter Witterung und wegen Mangels an Arbeitskräften verzögerte. Eine weitere Verfügung des Landrates bestimmte, dass die Kartoffelerzeuger ihren Kartoffelüberschuss, auf den Kopf und Tag 1½ Pfd. berechnet, bis 15.8.17, bei dem Gemeindevorsteher anzugeben hätten. Die Verbraucher dagegen haben die etwa zu viel eingekellerten Kartoffeln bis 6.11. an den Gemeindevorstand abzuliefern. Infolge großer Kartoffelknappheit wurde angeordnet, dass auf die Person wöchentlich nur 5 Pfd. verbraucht werden dürften und als Ersatz Kohlraben gegessen werden müssten. Auch ist durch Bekanntmachung des Reichskanzlers vom 16.10.16 das Verfüttern von Kartoffeln verboten. Die Folge dieser Verfügung war, dass die Bergleute – z.B. auf Eisenzecher Zug – am 12. und 13. Oktober nicht einfuhren und auch auf anderen Gruben die Niederlegung der Arbeit in Aussicht gestellt wurde. Auch der Kartoffelpreis wurde durch die obige Maßnahme stark in die Höhe getrieben und zwar durch die Behörde selbst, indem z.B. im hiesigen Amte der Amtmann persönlich zu den Bauern ging und ihnen, falls sie jetzt freiwillig Kartoffeln abgäben, eine Zusatzprämie von 60 Pfg. pro Ztr. versprach. Die Kartoffelbezieher sahen sich nunmehr gezwungen, den Höchstpreis zu überschreiten und ebenfalls 4,60 MK zu bezahlen. Die im Amte Burbach anwesenden Lehrer wurden auf Sonntag, den 7. 1. 1917 morgens 10 Uhr in das Amtshaus eingeladen, zwecks Besprechung der Kartoffellisten. Aufgrund der letzten Kartoffelaufnahme vom 1.12.1916 soll Überschuss bzw. Fehlbedarf festgestellt werden. Die Berechnung ergab für Wiederstein einen Nettoüberschuss von 378 Zentnern. Infolge zunehmender Kartoffelknappheit hat der Kreisausschuss sich veranlasst gesehen zu bestimmen, dass vom 15.1.17 ab den Versorgungsberechtigten wöchentlich auf den Kopf nur noch 3 Pfd. Kartoffeln und 4 Pfd. Kohlraben

geliefert werden sollen. Schwerarbeiter erhalten als Zugabe 5 Pfd. Kartoffeln und 6 Pfd. Kohlraben.

 

Im Sommer 1917 wurde das Pfd. Kartoffeln von „Hamstern“ aus Eiserfeld und Siegen mit 10 und 15 Pfg. bezahlt. In Köln kostete das Pfd. frische Kartoffeln 90 Pfennig, alte 30–50 Pfennig. Im August 1917 boten „Hamster“ für den Zentner frische Kartoffeln 25 MK. Die ersten aus Holland bezogenen Frühkartoffeln kosteten 35–40 MK. Die Kartoffelnot war im verflossenen Winter und Frühjahr 1916/17 so groß, dass die Bewohner der Städte wochenlang keine Kartoffeln zu sehen bekamen und immer Kohlraben und Steckrüben essen mussten. Da es auch an Brot mangelte, aßen die Städter morgens, mittags und abends Steckrüben zu Steckrüben, als Kartoffel- Gemüse- und Fleischersatz. Das war die schlimmste Zeit des Hungers. Die hiesigen Landwirte, besonders solche, die nur wenig Ackerbau haben, fingen bereits im Juli an, frische Kartoffeln vom Felde zu holen.

 

Am 24. September 1917 setzte bei herrlichem Herbstwetter die Kartoffelernte ein. Dieselbe versprach und lieferte einen großen Ertrag. Nun wurde am 27.9. durch die Ortsschelle bekanntgemacht: „Über die Preisfestsetzung ergeht noch besondere Verfügung. Für anrollende Kartoffeln beträgt derselbe vorläufig 8 MK, im Kleinhandel 10 MK.“ Infolge dieser Bekanntmachung glaubten die Landwirte, die dieselbe zu ihren Gunsten auslegten, der Höchstpreis betrüge 8 MK und fingen nun an, so schnell wie möglich, ehe eine neue Bekanntmachung erging, ihren Kartoffelüberschuss abzusetzen. Durch einen Artikel in der Siegener Zeitung, der die Bevölkerung aufforderte, sich selbst mit Kartoffeln zu versorgen, kamen Kauflustige aus Altenseelbach, Neunkirchen, Struthütten, Eiserfeld, Niederschelden und anderen Orten scharenweise, um sich Kartoffeln zu sichern. 8 MK wollten diese Leute gern bezahlen, wenn sie dann Kartoffeln in beliebiger Menge bekommen konnten. Nach einigen Tagen kam die Dusche. Durch die Siegener Zeitung und ebenfalls durch die Ortsschelle wurde die Festsetzung des Kartoffelhöchstpreises veröffentlicht. Derselbe beträgt für den Ztr. 5,50 MK, dazu kommen 50 Pfg. Schnelligkeits- prämie (?) und 10 Pfg. Bringerlohn je km, höchstens jedoch 1 MK Fuhrlohn. Es sind in diesen Tagen der reichen Kartoffelernte aber auch noch Kartoffeln zu 12 MK nach Altenseelbach geliefert worden. Ja, der Kriegswucher treibt Blüten auf allen Gebieten. „Hamster“ aus Dortmund boten und bezahlten im April 1919 in Zeppenfeld für den Zentner Kartoffeln 50 MK. In den Großstädten

selbst werden von Speisewirtschaften sogar 100 MK für den Ztr. bezahlt. Im Juni 1919 waren holländische Kartoffeln zu haben, der Ztr. kostete 26–45 MK.

 

Im Mai 1916 fing es an, das „H a m s t e r n“, erst einzelne, dann mehrere, schließlich hunderte von Leuten aus dem Freiengrund, von Herdorf, Daaden usw. fuhren mit der Eisenbahn nach Gießen und von da nach allen Richtungen, besonders in die Wetterau, um Gerste zu kaufen. Die Ware war meist sehr schön, wurde gemahlen und zur Streckung des Brotgetreides verwandt. Männer, Frauen und Kinder zogen los, mit Rucksäcken, Schließkörben und Säcken bewaffnet. Viele Dörfer der Wetterau wurden abgesucht. Manche „Hamster“ mussten übernachten, wenn sie noch keine Beute gemacht hatten. Da lagen dann mitunter bis 30 in einer Scheune, andere schliefen im Stall. Am Pfingstsonntag 1916 haben etwa 70 Mann die Nacht in einem Saale sitzend zugebracht. Diese Hamsterfahrten wurden gang und gäbe bei Armen und Reichen und nahmen später immer mehr zu. Es kamen Leute aus den Großstädten des Industriegebietes bis ins Hessenland, um Kartoffeln, Butter, Weizen, Mehl, Gerste, Eier u.a. zu hamstern. Viele hamsterten aus Not, andere trieben es als Sport und wieder andere geschäftsmäßig für solche Leute, die selbst nicht hamstern konnten oder wollten. Da die Bauern in Hessen von Hamsterern überlaufen wurden, so gingen natürlich die Preise immer höher und es wurden wahre Fantasiepreise gezahlt. Im Winter 1918/19 wurden gezahlt für 1 Ztr. Weizen 70–130 MK, für Weizenmehl 130 MK und mehr, für 1 Ei 50 Pfg. bis 1,20 MK, für 1 l Milch 1,50–2 MK. 50 MK für den Zentner Kartoffeln waren keine Seltenheit. Die Großstädter zahlten gerne 100 MK. Die Zwischenhändler verdienten viel Geld, da ihnen jeder geforderte Preis gezahlt wurde. Die Hamster wurden später von den immer schlauer werdenden Bauern in Hessen und auf dem Westerwald zunächst abgespeist mit den Worten: „ Mir hawwe ja selwer nix!“ Blieb der Hamster aber standhaft im Betteln, dann kam schließlich die Frage: „ Was wolle se dann gewwe?“ und das Geschäft kam zustande. Zeitweise waren die Hamster in großer Gefahr, von der Polizei gefasst zu werden und ihrer Beute verlustig zu gehen, indem diese beschlagnahmt wurde. Das hinderte jedoch nicht, das Hamstern von neuem zu beginnen. Sehr viel wurde von den in den Badeorten sich aufhaltenden Kurgästen gehamstert. So stieg auf dem Westerwald während der großen Ferien 1919 der Butterpreis wieder zu nie dagewesener Höhe und es war infolgedessen ganz plötzlich keine Butter mehr zu haben.

Verschiedene Ortseingesessene stellten im Frühjahr 1916 einen Antrag auf Überlassung eines oder auch mehrerer Gefangenen für landwirtschaftliche Arbeiten. Im Juni 1916 kamen die ersten sieben, 1 Franzose und 6 Belgier, hier an. Als Unterkunftsraum – Baracke – für dieselben war das frühere Schuppsche Haus Nr. 17 eingerichtet worden. Die Gefangenen sind hier gut aufgehoben und werden wie Familienangehörige behandelt, da sie selbst fleißig und willig sind. Es herrscht zwischen ihnen und ihren Arbeitgebern das beste Einvernehmen. In der Woche vom 10. bis 16. Juli mussten 2 Gefangene für ihre Arbeitgeber hinter der Schule das Schulholz zerkleinern. Der eine Kriegsgefangene hieß Anatol Villain, ein ganz fanatischer Stockfranzose, der bei Hermann Schmidt arbeitete und der andere, ein lustiger Belgier, hieß Josef Lamborelle und arbeitete bei Gustav Scholl. Auch auf sämtlichen Gruben, Hütten, Eisenwerken, Ziegeleien, Sägewerken und anderen Betrieben waren Kriegsgefangene eingestellt.

 

Das stellvertretende Generalkommando des XVIII Armeekorps erließ am 1.3.1917 eine Bekanntmachung betreffend Beschlagnahme, Bestandserhebung und Enteignung sowie freiwillige Ablieferung von Glocken aus Bronze. Zu dieser Bekanntmachung erließ der Kreisausschuss des Kreises Siegen am 23. März 1917 Ausführungsbestimmungen. Infolge dieser Verfügung wurde unsere Schulglocke am 13.7.1917 ebenfalls abgeliefert.

 

Ende Februar 1917 kostete ein Stück Kernseife, das vor dem Krieg mit 38 Pfg. bezahlt wurde, 4–5 MK und ist von ganz minderwertiger Beschaffenheit – Kriegsware. Im Aug. 1917 ist keine Seife, weder Kern- noch Schmierseife, mehr zu haben. Ein kleines Stück, sogenannte Feinseife, die in der Hauptsache aus Ton besteht, kostet 3,75 MK.

 

 

Seit Mitte April 1917 erhalten die Selbstversorger statt 18 Pfd. Roggen auf den Kopf und Monat nur noch 13 Pfd. Um den Ausfall an Brot zu ersetzen, erhalten nun diejenigen, welche Fleisch auf Reichsfleischkarten bekommen, außerdem Fleisch auf eine Kommunalfleischkarte. Für das auf diese Kommunalfleischkarte gelieferte Fleisch wird vom Staate ein Zuschuss von 1,40 MK auf das Pfd. gewährt. Infolgedessen kostete am Samstag, dem 21.4.1917, das Pfd. Kalbfleisch nur 20 Pfg., das Pfd. Rindfleisch 1 MK. Der Vorrat war reichlich, sodass auf jede Person 1 Pfd. verabreicht werden konnte. Die Preise stiegen.

 

1917 - Schafe waschen in der Heller
1917 - Schafe waschen in der Heller

 

Für 1 l Firnis-„Ersatz“ zahlte man im Mai 7,80 MK, vor dem Krieg für 1 l echten Leinölfirnis 0,45 MK. Bei den letzten Weinversteigerungen in Eltville am Rhein ist das Liter Wein – Höchstpreis – mit 110 MK bezahlt worden. Schuhe sind in den gangbaren Nummern von 38–43 fast gar nicht mehr oder nur noch zu unerschwinglichen Preisen zu haben. So wurde einem Arbeiter auf der Dynamitfabrik in Würgendorf von einem Mitarbeiter für ein Paar Stiefel 100 MK gefordert. Schuhmachermeister Ernst Rieger von hier erhielt im Lager Jablonna in Polen den Auftrag, für einen Leutnant in Warschau ein Paar Stiefel zu besorgen. Er fand dort schließlich ein Paar Offizierstiefelschäfte, die aber 250 MK kosteten. Schuhsohlen aus Leder gibt es jetzt überhaupt nicht mehr. Ersatzsohlen aus Gummi – es ist aber Dreck – kosten 8–10 MK, halten aber nur einige Tage. Nur die Arbeiter der Rüstungsindustrie, Bergleute usw., erhalten von Zeit zu Zeit ein Paar Ledersohlen zugewiesen.

 

 

A u g u s t 1917

 

Es reisen Leute von hier nach Betzdorf, Wissen, Siegen, Haiger, Dillenburg, Herborn, Gießen, Friedberg, Frankfurt, Hanau, Marburg, Kirchhain, um dort ihren Schuhbedarf zu decken. Manche sind 3 Tage unterwegs gewesen und haben nur ein Paar kleine Kinderschuhe ergattert. Ein Bergmann fand in Limburg an der Lahn ein Paar passende Arbeiterschuhe für 50 MK, mit Reise- kosten waren es allerdings 80 MK. Man ist sogar über Frankfurt hinaus nach Bayern gefahren, um dort Schuhe einzukaufen. Die Folge dieser Schuharmut ist, dass man dazu übergeht, barfuß zu laufen. Vorläufig sind es bis jetzt nur Kinder, diese aber kommen auch barfuß zur Schule. In manchen Städten gehen Lehrer, um ihren Schülern ein gutes Beispiel zu geben, ebenfalls ohne Fuß- bekleidung zur Schule. Im Oktober 1917 tauchte plötzlich eine neue Schuhquelle in Olpe auf. Scharenweise fuhren Leute hin, ihren Bedarf zu decken. Die Schuhe waren aber schlecht und teuer. Der Oberschuh bestand aus rauem, minderwertigem Leder, das mit Stiften an eine Holzsohle genagelt war. Kinderschuhe dieser Art kosteten 10–12 MK. Überkleider – früher blau Leinen – werden jetzt aus Papiermasse geliefert und kosten 18 MK. Eine Frau wollte diese Überkleider waschen, hatte sie zu diesem Zwecke in einen mit Wasser gefüllten Zuber eingesteckt und fand nachher nur noch den Bund der Hose vor, alles andere hatte sich aufgelöst. In Betzdorf ist noch Leinen als Stoff zu Überkleidern zu haben. Es kostet das Meter bei 50 cm Breite 10 MK. Der Stoff zu einem Anzug – Jacke und Hose – kostet also 55 MK.